Uli Strasser über die OLC-Saison 2011 mit seinem MAVERICK²
Das Warten auf den fertigen Maverick² M hat im März endlich ein Ende. Wenige Tage nach der Veröffentlichung der Zulassung starte ich den Schirm zum ersten Mal und erlebe gleich mehrere Überraschungen. Ich komme auf Anhieb in die Luft (dafür bin ich nicht berühmt, ich kann auch anders ;-), der Schirm gleitet überragend, ich traue meinem Fluginstrument kaum, beim Gas geben erhöht sich das Fahrtwindgeräusch deutlich und Rolle auf Rolle stehen fast 20 km/h mehr auf dem Tacho als beim Flug mit geringstem Sinken. Ich fühle mich wohl, kurble frech in agilen Leebärten und…. reiße die Kiste beim engen Kurbeln gleich mehrmals hintereinander einseitig fast ab. Innenbremse schnell hoch, alles harmlos, zentriere gleich wieder weiter. Aber zum Erschrecken hat’s gereicht. Was ist da los? Ich halte die Bremsgriffe fast immer halb gewickelt, aus Gewohnheit, weil das Feedback in die Hand direkter ist und weil ich beim Zentrieren zum Kraft Sparen den Daumen schön in den Karabiner stecken kann. Das ging bei meinen bisherigen Schirmen immer super, beim Mavi² ist wohl etwas mehr Feinmotorik gefragt. Die Steuerwege sind kürzer geworden. Ich taste mich also an den veränderten Bewegungsablauf beim engen Kurbeln heran, genieße den Erstflug und finde später zuhause beim Betrachten des Videos, das meine GoPro vom Flug gemacht hat die eindeutige Bestätigung: Drei Mal ist auf dem Film der Ansatz zum Wegdrehen zu erkennen, immer bei der gleich zu weit durchgezogenen Innenbremse. Jetzt hab ich also den Stallpunkt schön auf Video dokumentiert.
Am nächsten Tag geht’s schon zur Sache. Am Hochstein bringe ich mit meinem schweren verkleideten Gurtzeug und Streckengerödel gute 10 kg mehr auf die Waage. Jetzt komme ich auch mit meiner Wickelei besser zurecht und muss das einseitige Abreißen beim Kurbeln bewusst provozieren (will es natürlich wissen, nach dem untergewichtigen Flug vom Vortag). Super, jetzt habe ich ein Gefühl für meinen Begleiter in der Flugsaison 2011 und reite den ersten Hunderter der Saison ab. Fazit: Mavi² eher an der oberen Gewichtsgrenze fliegen und nicht zu grob sein.
Ich muss beruflich nach Usbekistan, mitten im April, geht’s noch? Und es kommt, wie es kommen muss: Ein fettes Hoch kündigt sich über den Alpen an. Als Masochist verfolge ich die Wetterberichte und das Treiben der Fliegerkollegen im www und sitze in Taschkent auf Kohlen. Zu allem Überfluss wählt der Linienpilot am Hammertag beim Rückflug nach München seinen Anflug knapp am Hochfelln vorbei, es ist 10:00 und ich kann an meinem Fensterplatz auf der Fellnseite die Schirme am Startplatz förmlich riechen. Ich denke: „Lasst mich hier raus“, aber zum Glück öffnet keiner die Tür des Airbus.
Am nächsten Tag lass ich Job Job sein und stehe ich auch am Hochfelln. Dank Omegahoch reicht es noch für vier tolle Streckentage, wovon zwei Flüge zu meinen besten der Saison zählen werden. Damit habe ich meinen Deutschlandflug in der Tasche.
Bin wieder für die Liga qualifiziert und will auch mal den einen oder anderen Wettbewerb mitfliegen. Da kann man jede Menge lernen, hieß es. Im Allgäu findet der erste Teil der Deutschen Meisterschaft statt und ich bin dabei (hab ja schließlich ganz nett Startgeld bezahlt).
Hier die Zusammenfassung meiner Erfahrungen:
Nette Truppe, heiße Diskussionen über Geräte und Verbände, gewöhnungsbedürftige Tasks.
Im ersten Durchgang im mir fremden Fluggebiet defensiv geflogen, zu geringe Flächenbelastung für’s Gasen, keine Chance gegen den für Serienschirme zu stark werdenden Wind, Task gestoppt. Beim zweiten Durchgang gut vorne mitgeflogen und dann zu frech zwei Bärte ausgelassen (hopp oder top) und die Aufgabe vorzeitig beendet. Dritter Task wegen starkem Wind gecancelt, vierter auch.
Gleichzeitig mit eineinhalb unruhigen Augen auf den Wetterbericht für Südtirol geschielt und im inneren Konflikt knapp für die Liga/Ligatagung etc. entschieden. Der spätere XC-Sieger Didi (auch für die Liga gemeldet) fliegt ein 235 km FAI in Südtirol. Na super. Aber die Saison hat ja gerade erst begonnen.
Leider verlief der Rest der Saison wettertechnisch nicht so, wie der April es versprochen hatte. Nur Ende Juni habe ich in Fiesch noch einen Hammertag erwischt, mich aber dann am Ende beim Weißmies nicht getraut, ganz nach Süden ins Lee zu fliegen und dadurch viele Punkte liegen gelassen. Andere haben gezeigt, dass es gegangen wäre, aber hinterher ist man oft schlauer. Die wenigen wettertechnisch erfolgversprechenden Chancen zum Punkten für den Platz ganz oben auf‘s Stockerl fielen dann beruflichen Terminen oder meinen Risikomanagement-Flugentscheidungen zum Opfer. Juli und August verlaufen im Regen ohne eine echte Chance zur Aufholjagd.
Deutscher Vizemeister im Streckenfliegen ist auch nicht schlecht. Und außer einem haarstreubenden Stunt in Kössen am Landplatz und einem Sprung knapp an der Kappe vorbei (unerwarteter fetter Frontklapper bei Dreiviertelgas, Hände am Müsliriegel und nicht an den Bremsen, danach Müsliriegel im Weissensee und Hände wieder an den Bremsen) und der glasklaren Erkenntnis, die Bremsen im beschleunigten Flug so schnell nicht mehr unbeaufsichtigt zu lassen verlief die Saison auch unter Sicherheitsaspekten äußerst zufriedenstellend.
Und nach der Saison ist vor der Saison, nächstes Jahr probiere ich es mal mit dem Mavi² in Größe S.
Euer Uli
(Uli Strasser, dt. Vizemeiser im Streckenfliegen 2011, dt. Meiser im Streckenfliegen 2008, dt. Vizemeister im Streckenfliegen 2006)